BQN-Berlin

Justiz öffnet Türen für Menschen mit Einwanderungsgeschichte

Zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee, mitten im Neuköllner Kiez befindet sich das Deutsch-Arabische-Zentrum für Bildung und Integration (DAZ). Am 29. November begegneten hier Menschen aus der migrantischen Community Mitarbeitenden aus der Berliner Justiz. Genau diese Menschen wollen BQN Berlin, das Amtsgericht Neukölln und das Kammergericht gemeinsam mit dem DAZ und anderen migrantischen Organisationen über das Projekt „Mehr Vielfalt in der Justiz“ für nicht-richterliche Berufe gewinnen. Wie sie das erreichen wollen, teilten sie im Rahmen der Berufsinformationsveranstaltung im DAZ mit. Viele waren dort, um sich über den Zugang in die Justiz zu informieren und ihre Fragen zu stellen. Gerhard Frenzel, Präsident des Amtsgerichts Neukölln, trat beschwingt durch die Tür mit dem Vorsatz, hier mit Menschen ins Gespräch zu kommen.  

In den Räumen war ein Parcours mit Stationen zu den verschiedenen Ausbildungsberufen aufgebaut. Zum Beispiel zur Einlasskontrolle: Ein streng ausschauender Wachtmeister zeigte zwei jungen Frauen, wie die Taschenkontrolle am Gerichtseingang funktioniert. Die Mädchen lachten und hatten Freude daran, Golfbälle, Taschenlampen und Cuttermesser nach ihrer Gefährlichkeitsstufe zu sortieren. Währenddessen scannte die Kollegin des Wachtmeisters mit einem Detektor den Körper eines kleinen Jungen. Gegenüber, auf der anderen Seite des Raumes, ließen sich arabische Männer zum dualen Studium der Rechtspflege beraten. Der Zugang ist für alle offen, solang man die nötigen Qualifikationen, die deutsche oder europäische Staatsangehörigkeit besitzt und kein Kopftuch trägt. Eine junge Frau aus dem Publikum ergriff nach der Begrüßung des Justizsenators Dirk Behrendt und den Organisatoren das Wort: „2017 bin ich aus Syrien nach Deutschland gekommen, besitze ein juristisches Diplom und keine deutsche Staatsangehörigkeit. Trotzdem möchte ich meine Kompetenzen und Fähigkeiten einsetzen und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Wie kann ich das machen?“ Momentan gehe das mit gewissen Herausforderungen einher,  erklärte  Behrendt: „Eine Voraussetzung ist beispielsweise die deutsche oder europäische Staatsangehörigkeit. Besteht ein juristischer Abschluss, dann muss dieser zudem in Deutschland anerkannt werden.“

In Neukölln haben rund 45 Prozent der Bewohner*innen einen Migrationshintergrund laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Zum Teil mit einem ausländischen Pass, zum Teil mit deutscher Staatsangehörigkeit. Rund die Hälfte davon weist einen niedrigen Bildungsstand auf, ein Fünftel sei arbeitslos. Auf der anderen Seite sind die Berufsfelder der Justiz und deren Karrierewege derzeit zu wenig bekannt oder attraktiv, denn junge Menschen bewerben sich nur in geringer Zahl. Mit Blick auf eine wirksame, vielfaltsgerechte, diskriminierungs- und barrierearme Personalgewinnung besteht somit ein großer Handlungsbedarf. Behrendt bekräftigte: „Wir wollen mehr Mitarbeitende, die die vielfältigen kulturellen Facetten der Berliner Bevölkerung auch in der Justiz wiederspiegeln. Davon profitieren letztlich beide Seiten, die Justiz und die Gesellschaft.“

Deshalb wurde Ende 2018 das Projekt „Mehr Vielfalt in der Justiz“ ins Leben gerufen und exemplarisch am Amtsgericht Neukölln entwickelt, erprobt und umgesetzt. Frenzel: „Das Projekt ist wichtig, da es den Menschen hilft, zu ihren Rechten zu kommen. Alle Menschen die hier leben, sollen gleichermaßen an der gesellschaftlichen Aufgabe teilhaben können. Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht, um mit Kraft und Unterstützung der migrantischen Communities aus allen Bevölkerungsgruppen und –schichten zu rekrutieren.“ Und warum jetzt? Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt nur langsam und die Bewerberzahlen gehen zurück. Daher hat sich die Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung entschlossen, ähnliche Recrutingmaßnahmen zu ergreifen wie die Berliner Polizei, die damit in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren.

Welche Maßnahmen braucht es konkret damit die Menschen tatsächlich in der Justiz ankommen und wie können Brücken gebaut werden? Nader Khalil, Leiter des Deutsch-Arabischen Zentrums/EJF in Neukölln, und einst selbst aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet, sagte: „Die Menschen brauchen eine Ansprechperson in der arabischen Gemeinde, dann ist die Hemmschwelle viel niedriger. Leider ist bei vielen die Vorstellung im Kopf verankert: Die Justiz ist nur für Deutsche ein Berufsfeld. Deshalb muss in der Community gut platziert werden, dass grundsätzlich alle Berufe offen sind. Zudem ist es wichtig, eine kommunikative Brücke in das deutsche System zu bauen und zentrale Aspekte für ein gemeinsames Demokratieverständnis zu klären. Unser Ziel ist es, die kulturell unterschiedlichen Perspektiven von Menschen deutscher und arabischer Herkunft zu einer von allen Partner*innen geteilten Haltung der Wertschätzung und Anerkennung von Gleichheit und Verschiedenheit zusammenzuführen.“

Staatsangehörigkeit, Anerkennung von ausländischen Abschlüssen und das Kopftuch sind formale Hürden für den Justizeinstieg, die lösungsbedürftig bleiben. Jedoch leben in Berlin und insbesondere Neukölln auch viele aus der dritten und vierten Einwanderergeneration, für die der Zugang möglich sein könnte. Und die Begegnung, wie bei dieser Veranstaltung, trägt dazu bei, sich kennenzulernen, gegenseitige Vorurteile weiter abzubauen und Verbindungen aufzubauen. Ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Weitere Information zum Projekt:  Ursula Neuhof /BQN Berlin, un@bqn-berlin.de / 030-275 90 87-13

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